Christine König CHAPTER III: Michael RIEDEL | DIE TRAUMDEUTUNG (A–Z)

Michael RIEDEL | DIE TRAUMDEUTUNG (A–Z)

Das 2014 für das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main entstandene Werk «Die Traumdeutung (A-Z)» von Michael Riedel löst die narrative Konsistenz des berühmten Werkes von Sigmund Freud auf und reiht stattdessen alle Worte mit dem gleichen Anfangsbuchstaben alphabetisch auf – der Künstler selbst spricht widersprüchlich von ‹entformulierter Formulierung.› Die neu arrangierten Sprachelemente formieren sich zu Bildflächen, die ausdrücklich keine Embleme der «Traumdeutung» darstellen sollen, sondern einen visuellen Eigenwert entwickeln – durchaus in gedanklicher Verbindung zu den sprachkritischen Text-Assemblagen der Wiener Gruppe in den 1950er Jahren, oder gar zum Flächenwerk der Wiener Werkstätten. Auf diese Weise wird eine der bekanntesten Arbeiten von Sigmund Freud in einen vor-narrativen Zustand (rück)geführt. Dass damit die Basis für neue Formulierungspotentiale hergestellt wird, ist die Pointe eines Werkes, das die Verdrängung und das Unbewusste noch einmal auf ganz andere Weise erlebbar macht. (Thomas Miessgang, 2024)


DAS BILD UND SEIN BUCH

Zwei Formen der Erzählung, zwei Formen der Weltwahrnehmung. Während der Betrachter beim Bild meist mit einem Überfluss an Informationen überwältigt wird, die er Stück für Stück zu dechiffrieren versucht, lädt das Buch zur contemplatio ein. Das Zusammenspiel dieser beiden ästhetischen Dispositive ermöglicht somit die Verbindung zwischen Zeit und Raum. So wird das traditionelle Format ´Ausstellung` über sich selbst hinausgehoben und mit anderen Formen der künstlerischen Gestaltung auf neuartige Weise interdisziplinär verschränkt.D
Etwas Wesentliches sei vorweggenommen: Denn es geht nicht nur um Bücher, die Künstler und ihre Werke beeinflussen – wie zum Beispiel das Erzählfragment „Der Bau“ von Franz Kafka, das den Impuls für installative Arbeiten von Bruce Nauman, Louise Bourgeois oder Rodney Graham gab. Oder umgekehrt die „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, wo „Guernica“ von Picasso oder „Das Floss der Medusa“ von Théodore Géricault mit grosser Beschreibungslust in den Roman eingeschlossen werden und der Text somit ein musee imaginaire darstellt.   

DAS BILD UND SEIN BUCH meint auch Texte, die buchstäblich ins Bild wandern, zu Material werden. 

Der Konzeptkünstler Joseph Kosuth hat beispielsweise einzelne Begriffe aus dem Roman „Korrektur“ von Thomas Bernhard entnommen und in eine dem Satzspiegel entsprechende Lichtinstallation transformiert. 
Bei Gerhard Rühm sind die Verschränkungen noch komplexer. Das ehemalige Mitglied der Wiener Gruppe hat sich noch nie auf eine Gattung festlegen lassen und experimentiert seit 70 Jahren mit Sprache, Collage und Poésie sonore. Ob es nun mit Text versehene Fundstücke aus der Werbung sind oder Manifestationen der konkreten Poesie, wo das Wort gelegentlich den Charakter eines leeren Signifikanten annimmt und sich im Zeilenfall zu einer abstrakten Konfiguration organisiert. 
Oder Thomas Hartmann, der sich in seiner Malerei als besonders aktiver Bewohner der Gutenberg-Galaxis ausweist: Bücher und Zeitschriften sind zentrale Inhalte seiner Bilder. Eine Welt der Buchstaben und Objekte wird evoziert, aber nicht abgebildet, da der Künstler Bücherregale mit verschiedenfarbigen Bücher malt oder diese Bücherregale gar umstürzen lässt. In Thomas Hartmanns Werken ist das Buch kein Objekt, das einen Inhalt zur Entschlüsselung anbietet, sondern immer Massenware. Man mag aus diesen Gemälden eine tröstliche oder trostlose Botschaft herauslesen – die vollgestopften Bücherwände und Regale, die keiner menschlichen Aufmerksamkeit mehr zu bedürfen scheinen, sondern sich selbst genügen, lassen jedenfalls an eine Metapher denken, die einst Michel Foucault entworfen hat: “Der Mensch werde verschwinden wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.” 

DAS BILD UND SEIN BUCH entfaltet somit ein Glasperlenspiel, das sich auf verschiedenen Ebenen manifestiert. “Lesen heißt durch fremde Hand träumen,“ schrieb einst Fernando Pessoa. Man könnte die Formulierung auch umdrehen: “In der Betrachtung von Kunst zu träumen, heißt durch fremde Hand lesen.“ (Thomas Miessgang, 2024) 

Michael RIEDEL | THE INTERPRETATION OF DREAMS (A–Z)

The work «Die Traumdeutung (A–Z)» [«The Interpretation of Dreams (A–Z)»] created by Michael Riedel for the Sigmund Freud Institute in Frankfurt am Main dismantles the narrative consistency of the famous work by Sigmund Freud and, instead, alphabetically lists all words with the same initial letter – the artist himself speaks contradictorily of «unformulated formulation». The newly arranged language elements form image areas that explicitly should not represent emblems from the «interpretation of dreams», but should develop their own visual intrinsic value – absolutely in a conceptual connection to the language-critical text assemblages of the Wiener Gruppe in the 1950s, or even to the surface works of the Wiener Werkstätten. In this manner, one of the most well-known works of Sigmund Freud is (re)turned into a pre-narrative state. The fact that, in this process, the basis for new potentials for formulations is produced is the point of a work that makes repression and the unconscious come alive again in a completely different way. (Thomas Miessgang, 2024)

DAS BILD UND SEIN BUCH

two forms of narration, two forms of perception of the world. Whereas the observer of a picture is mostly overwhelmed with an abundance of information, that they attempt to decipher piece by piece, the book invites contemplation. The interplay of these two aesthetic dispositives thereby enables the connection between time and space. In this way, the traditional format of “exhibition” is raised above itself, and interleaved in interdisciplinary fashion with other forms of artistic configuration in innovative ways.

Something essential should be pre-empted: for it is not only books which influence artists and their works – as for example the narrative fragment “Der Bau” by Franz Kafka, that provided the impulse for installation works by Bruce Nauman, Louise Bourgeois, or Rodney Graham. Or, conversely, “Ästhetik des Widerstands” by Peter Weiss, in which “Guernica” by Picasso or “Raft of the Medusa” by Théodore Gericault were included in the novel with great passion for description, and the text therefore represents a musée imaginaire.

DAS BILD UND SEIN BUCH also implies texts that literally wander into the picture, becoming material. The conceptual artist Joseph Kosuth took over, for example, individual terms from Thomas Bernhard’s novel “Korrektur” and transformed them into a light installation corresponding to the area of the printed space.

With Gerhard Rühm the interconnections are even more complex. The former member of the Wiener Gruppe never settled on one specific genre, and has experimented for 70 years with language, collage, and poésie sonore. These might be found objects, furnished with text, from advertising, or manifestations of concrete poetry, where the word occasionally assumes the character of an empty signifier and, in printed alignment, organises itself into an abstract configuration.  

Or Thomas Harmann, who proves himself to be a particularly active inhabitant of the Gutenberg galaxy in his paintings: books and journals form a central component of his pictures. A world of letters and objects is evoked, yet not depicted, since the artist paints bookshelves with books in a variety of colours, or even causes these bookshelves to fall down. In Thomas Hartmann’s work, the book is not an object that offers content to be deciphered, but instead is always a product of mass merchandise. One might discern in these paintings a comforting or a bleak subtext – the fully stuffed walls of books and bookcases that appear not to require any human attention any more but instead are self-sufficient, nevertheless allow one to think of a metaphor that Michel Foucault once conceptualized: man will disappear, like a face in the sand on the seashore.

DAS BILD UND SEIN BUCH thereby unfolds a ‘glasperlenspiel’ that manifests itself on a variety of levels. “Lesen heißt durch fremde Hand träumen”, Fernando Pessoa once wrote. One could also reverse the formulation: “In der Betrachtung von Kunst zu träumen, heißt durch fremde Hand träumen.” (Thomas Miessgang, 2024)

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