Wir gehen oft mit einem selektiven Blick durchs Leben, vor allem, wenn wir zwischenmenschliche Vorgänge wahrnehmen. Indem so das Bekannte und das Unbekannte unterscheidbar gemacht werden, ist diese Selektion ein unerlässlicher Mechanismus gegen die Gefahren der Reizüberflutung und daher von grundlegender Bedeutung für die Interpretation von Erfahrungen. Was aber geschieht, wenn dieser menschliche Schutzalgorithmus ausgeschaltet wird? Die Gemälde von Adéla Janská (*1981 in Olomouc, Tschechische Republik) entziehen sich instinktiv der Beschränktheit durch solche Wahrnehmungsgrenzen. Denn sie schaffen einen Raum, in dem das Bekannte mit dem Unbekannten verschwimmen, in dem Sein und Nichtsein kollidieren, in dem sich die sinnliche Erfahrung und die Sensation eines Déjà-vus kommutativ zueinander verhalten.


Dieser Effekt ist in Janskás erster Einzelausstellung in Wien besonders deutlich zu erkennen: Wer sind all diese Frauen? Bin ich ihnen nicht schon irgendwo begegnet? All diese visuellen Entitäten der Weiblichkeit, Bewohnerinnen einer virtuellen Welt, die sich hinter den Wänden von KOENIG2 auftun, sind mir irgendwie vertraut. Ich habe plötzlich das Gefühl, von Bekanntschaften, entfernten Verwandten aus einer anderen Zeit und einem anderen Ort, umringt zu sein. Wie durch Fenster prüfen sie meine Präsenz, scheinen aber die trennende Barriere zwischen unseren Realitäten nicht transzendieren zu wollen. Mit ihrer magischen Fähigkeit, Zeit und Raum außer Kraft zu setzen, ohne physische Interaktion zu berühren, wird schnell offensichtlich: diese Malereien sind keine Porträts, sondern Darstellungen kollektiver Frauenbilder. Durch die Verschmelzung des allgemeinen Körperlichen mit dem individuell Psychologischen schafft Janská ein noch ungeahntes Potenzial für die visuelle Repräsentation von Weiblichkeit: Der materielle Status der Subjekte, ihre Körperlichkeit, wird im ideellen Sinn zur bloßen Darstellung ihres Konzepts abstrahiert, während ihre Form durch denselben Prozess konkretisiert wird.


So verwandeln sich Janskás Frauen von banalen Vehikeln individueller Mimesis zu semantischen Trägern gemeinschaftlicher Inhalte, wobei sich in ihre Pseudo-Porträts ein Element der Ambivalenz mischt: Eine Narration, die fast unsichtbar durch das Abgebildete schimmert und widersprüchliche Gefühle hervorruft, irritiert und zugleich beruhigt. Ich erahne die verborgene Welt der Gefühle und Erfahrungen, die gewöhnlich nur bedingt durch äußere Attribute wie Haltung, Gestik und Physiognomie kanalisiert wird, und ich habe das Gefühl, dass sich Mephisto in diesen Frauen mit Gretchen vereint: passiv statische Anmut und Eleganz werden durch markantes Selbstbewusstsein moderiert, durch eine Bereitschaft, sich jederzeit aggressiv zu aktivieren.


Doch es ist nicht nur ihre Aura, die uns vor Rätsel stellt: Glänzende, porzellanartige Schleier, die den Frauengesichtern aufgelegt sind, verleihen ihnen nicht nur einen strahlenden Glow, sondern auch eine individuelle Kraft und Festigkeit, die materialbedingt simultane Zerbrechlichkeit suggeriert. Diese glatten Masken verschleiern allzu spezifische Gesichtszüge und Unebenheiten. Gleichzeitig steigern sie die expressiven Kontraste zwischen den homogenen Gesichtern und der von fließenden, deskriptiven Farben bestimmten Umwelt sowohl unserer als auch ihrer Virtualität. Darin können wir den Material- und Referenzfundus der Künstlerin erahnen: Porzellanfiguren und Fotografien aus ihrer persönlichen Sammlung fügen sich zu einer imaginären Collage zusammen, bevor sie sich in einem ihnen artfremden Medium materialisieren.


Wenn wir diesen Frauen tief in die Augen schauen, stellt sich die Erwartung einer flüchtigen Intimität ein, die sich jedoch verflüchtigt, bevor sie überhaupt spürbar wird. Und am Zenit dieser mäandernden Begegnung wird mir bewusst, dass ich Janskás Frauen tatsächlich schon begegnet bin: Sie sind meine Mutter, meine Schwester, meine Freundin, meine Arbeitskollegin, die Frau, die durch die Straßen wandert, das Mädchen, das ich heute an der Bushaltestelle gesehen habe. Sie sind du und ich. 


Text: Teresa Kamencek, Wien, 2023


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We often navigate life with a selective gaze, especially when it comes to interpersonal events. This selection is an indispensable mechanism against sensory overload, and therefore fundamental to the interpretation of experience by distinguishing between the known and the unknown. But what happens once this defence algorithm is suppressed? The paintings of Adéla Janská (* 1981 in Olomouc, Czech Republic) instinctively elude the restriction of such perception limitations: The artist generates a space where the known blurs with the unknown, where being and non-being collide, where sensual experience is commutative to the sensation of a déjà vu. 


This effect is abundantly manifest in Janská's first solo exhibition in Vienna: Who are these women? Haven't I met them before? All these visual entities of femininity, inhabitants of a virtual world that opens behind the walls of KOENIG2, look somewhat familiar. I suddenly feel being surrounded by acquaintances, distant relatives of another time and realm. As if through windows, they investigate my presence but do not appear to want to transcend the limiting barrier parting our realities. Infused with their magical ability to suspend time and space, to touch without physical interaction, it quickly becomes evident: These paintings are not portraits, they are depictions of collective female profiles. By fusing the general physical with the individual psychological, Janská generates an unprecedented potential for the visual representation of femininity: The material status of the subjects, their corporeality, is abstracted in the ideational realm to the mere representation of their concept, while their form is concretized through the same process.


Thus, Janská's women are transformed from banal vehicles of individual mimesis to semantic holders of common meaning, with an element of ambivalence mixed into their pseudo-portraits: A narration that shines almost invisibly through what is depicted, evoking mixed feelings, irritating and reassuring at the same time. Sensing that hidden world of sentiment and experience which is usually only partially channeled through external attributes such as attitude, gestures and physiognomy, I feel like within these women, Mephisto unites with Gretchen: Passively static daintiness and elegance are tempered by a distinctive awareness, a disposition to aggressively activate themselves at any time. 


However, it is not only their aura that mystifies: Glossy, porcelain-like veils adapted to the women's faces not only endows them with a radiant glow, but an individual vigor and solidity that is simultaneously ambivalently fragile. These shiny masks slur overly specific facial features and imperfections, while intensifying the expressive contrasts between the unified faces and the surroundings of our and their virtuality, taken by descriptive, flowing colors. Here we can discern the artist's trove of materials and references: Porcelain figurines from her personal collection and photographs amalgamate to form a mental collage before materializing in a medium foreign to them.


If we look deep into the eyes of these women, the experience of a volatile intimacy dawns but evaporates before it becomes palpable. And at the crest of this meandering experience, I realize that I have indeed met Janská's women before: They are my mother, my sister, my friend, my coworker, the woman wandering the streets, the girl I saw at the bus stop earlier today. They are you and me. 


Text: Teresa Kamencek, Vienna, 2023