Die Bildhauerin Maruša Sagadin und der Maler Thomas Reinhold vertreten zwei sehr distinkte, individuelle Positionen, die ganz unterschiedliche ästhetische Wege gehen. Und doch gibt es Versuchsanordnungen bei beiden Künstlern, die eine Zusammenschau erlauben: Das Spiel mit dem Unvorhergesehenen, die Dialektik von Form und Auflösung.

Maruša Sagadin stellt kolorierte, vertikal aufragende geometrische Module her, die an Hochhäuser erinnern. Oder horizontale Strukturen in der Form von Sitzbänken, auf die sich der Betrachter am liebsten gleich setzen möchte. Beide künstlerischen Setzungen werden von unregelmäßig gerundeten oder gezackten Formen ergänzt, beziehungsweise kontrastiert. Der Betrachter erlebt dies als künstlerische Engführung von Apollinischem und Dionysischem, von manieristischer Wucherung und von rationaler quasi-architektonischer Formensprache.

Bei Thomas Reinhold fällt zuerst das durch Schüttvorgänge erzeugte abstrakte Ballett der Linien und Flecken ins Auge, das in farblichen Graduierungen zwischen Pastell und kräftigen Couleurs, zwischen heiß und kalt den Bildraum dominiert. Doch was wie eine Fortführung der Drip Paintings von Jackson Pollock oder der Schüttbilder von Hermann Nitsch anmuten könnte, ist in Wahrheit Resultat einer fast mathematischen Versuchsanordnung, die in Skizzen den Malvorgang vorstrukturiert, welcher sich dann mit einer gewissen Lust am Unvorhergesehenen und am Aleatorischen entfaltet: Die Schüttrichtungen der Farben werden vorgegeben und während des Prozesses häufig den sich situativ verändernden Gegebenheiten angepasst, wobei in der vielfachen Wiederholung des Vorganges Überlagerungen stattfinden und palimpsestartige Strukturen entstehen.

So wie man in Thomas Reinholds ungegenständlichen Konfigurationen mitunter Landschaftsformen oder impressionistische Gestalt-Halluzinationen herauszulesen meint, gibt es in den architektonisch-funktionalen Gestaltungen von Maruša Sagadin Narrative, die sich nicht durch den Vorgang des Betrachtens erschließen, sondern gewissermaßen als Hintergrundstrahlung wirken und in den 'ver-rückten' Applikationen zum geometrischen Formenrepertoire nach außen drängen – etwa Bezüge zu femininen und feministischen Topoi, die durch pop- und comic-artige Vergröberungen/ Vergrößerungen von Körperteilen evoziert werden. Es geht um Anthropomorphisierung von materialgebundener Gegenständlichkeit, um die fragwürdigen Geschlechterkonnotationen, die sich mit Räumen verbinden und um das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit, das aus als funktional deutbaren Objekten in Maßstabssprüngen Infrastrukturen macht. Kurz: Um ein verwirrendes Wechselspiel zwischen gesellschaftlicher Nützlichkeit und einem spielerischen Stop Making Sense, das gesellschaftspolitischen Stereotypen entgegenwirken möchte.

„Wir können die Welt nur so wahrnehmen, wie sie uns erscheint,“ hat der Philosoph Christoph Türcke einmal geschrieben. „Aber Erscheinungen sind immer bloß eine Außenseite: Erscheinungen von etwas, was selbst nicht erscheint.“ Sowohl Maruša Sagadin als auch Thomas Reinhold geben diesem Etwas eine künstlerische Form, die dem Verborgenen zwar nicht zur Erscheinung, aber zu einer ästhetischen Präsenz verhelfen möchte. Realität und Phantasma, Wirklichkeit und Traum, Seinskontrolle und irrationale Entäußerung: So entwickeln die Gestaltungsformen der Abstraktion und der Postmoderne neue Energie.
(Thomas Miessgang, Wien 2020)


The sculptress Maruša Sagadin and the painter Thomas Reinhold represent two very distinct, individual positions that follow completely different aesthetic paths. And yet experimental arrangements can be found in the works of both artists, allowing a joint exhibition: the playing with the unexpected, the dialect of form and resolution.

Maruša Sagadin produces coloured, vertically towering geometric modules reminiscent of skyscrapers. Or horizontal structures in the form of benches on which the viewer would preferably rather sit down straight away. Both artistic positings are complemented or contrasted by irregularly rounded or jagged forms. The viewer experiences this as an artistic reductionism of the Apollonian and the Dionysian, of manneristic proliferation and of rational quasi-architectonic language of forms.

In Thomas Reinhold's work, the abstract ballet of lines and blotches, generated by processes of pouring, first strikes the eye, dominating the picture space in coloured graduations between pastel colours and bold colours, between hot and cold. Yet that which could be presumed to be a continuation of the Drip Paintings of Jackson Pollock or the poured paintings of Hermann Nitsch is in reality the result of an almost mathematical experimental arrangement, which pre-structures the painting process in sketches, and which then evolves with a certain desire for the unexpected and for the aleatoric: the directions of the pouring of the colours are predefined, and during the process are frequently adjusted to the situationally altering given conditions. In this way, in the multiple repetition of the process, superimpositions occur and palimpsest-like structures emerge.

Just as one imagines to be able to read landscape forms or impressionistic hallucinations of form out of Thomas Reinhold's immaterial configurations, in the architectonic-functional figures by Maruša Sagadin there are narratives which do not disclose themselves via the process of observing, but instead operate virtually as background radiation; and in the displaced applications to the geometric repertoire of forms push outwards – something like references to feminine and feministic topoi that are evoked through pop- and comic-like oversimplifications/enlargements of body parts. The work deals with an anthropomorphisation of materially bound objectivity, with the questionable gender connotations that are connected with spaces, and with the relationship between the private and the public sphere that makes infrastructures, as functionally interpretable objects, out of leaps in dimensions. In short: an unsettling interplay between social utility and a playful Stop Making Sense that would like to counteract socio-political stereotypes.

"We can only perceive the world as it appears to us," as the philosopher Christoph Türcke once wrote. "But appearances are always merely an exterior: appearances of something, that itself does not appear." Both Maruša Sagadin and Thomas Reinhold lend this 'something' an artistic form that would like to help that which is hidden not necessarily 'to appear', but to provide it with an aesthetic presence. Actuality and phantasm, reality and dream, control of being and irrational externalisation: in this way the compositional forms of abstraction and postmodernity develop new energy.
(Thomas Miessgang, Vienna 2020)


watch our guided tour through THOMAS REINHOLD | MARUŠA SAGADIN here or on vimeo