Künstler / Projekt
ADEL ABDESSEMED
Ausstellungstitel
Soldaten

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Ausstellungsdauer: 16. 01. - 14. 03. 2015

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— Text
Beschreibung
Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung hat im vergangenen Jahr weltweit 20 bewaffnete Auseinandersetzungen gezählt, die man als Kriege einstufte. Dazu kommen, eine Stufe darunter,  415 Konflikte, die teilweise als hochgewaltsam bewertet wurden. Viele dieser Kampfhandlungen sind, auch was die allgemeine Wahrnehmung betrifft, so weit entfernt, dass sie das Bewußtsein des Westens gar nicht erreichen, etwa in der zentralafrikanischen Republik, in Myanmar oder in entlegenen Regionen Indiens. Doch die andauernden Kämpfe in der Ostukraine zeigen, dass der Krieg auch aus dem Wirkungsbereich der sogenannten hochzivilisierten Staaten der EU keineswegs für immer verschwunden ist.  Das Schlagwort vom „Ende der Geschichte“, das Francis Fukuyama nach dem Ende des Kalten Krieges geprägt hat, wurde längst als Trugbild entlarvt. Geschichte wird gemacht, es geht voran – aber eben nicht mehr unter den übersichtlichen Bedingungen eines Gleichgewichts des Schreckens, sondern als unvorhersehbares terroristisches Attentat oder als spontane Volkserhebung in autokratischen Regimen.

Der exilalgerische Künstler Adel Abdessemed, der seine künstlerische Agenda einmal mit den Worten „handeln, widerstehen und schaffen mit der Absicht, die Welt zu verändern“ beschrieben hat, trägt der Ubiquität des Krieges in zeitgenössischen Lebens- und Medienwelten in der  Serie „Soldaten“ Rechnung. Seine mit dickem Strich grob schraffierten Kohlezeichnungen von Kämpferkörpern in voller Ausrüstung, mal mit der Schusswaffe im Anschlag, dann wiederum relaxed auf den nächsten Einsatz wartend oder gemächlich voranschreitend, sind weniger individuelle Typologien als archetypische Erscheinungen, abgezogen vom Film oder von photojournalistischen Bildern, die der Künstler durch den Zugriff seiner Hand gleichermaßen appropriiert und abstrahiert hat. In Abdessemeds „Soldaten“ hat das Mal du Siècle einer Epoche, in der Kriege privatisiert werden und das Gewaltmonopol des Staates erodiert, gewissermaßen ein visuelles Emblem gefunden.  „Soldaten, Soldaten sind schöne Burschen“ singt Marie in Wozzeck und man darf vielleicht darauf hinweisen, dass im Subtext der Zeichnungen ein erotisches Tremblement mitzittert, wenn man an jene fetischistische Leidenschaft denkt, die von Männern in Uniform häufig ausgelöst wird.

Abdessemeds Zeichnungen, die jeweils nur einen Soldaten im Combat Dress zeigen, siedeln sich in einem Bereich zwischen Erinnerung und Halluzination an. Herausgelöst aus dem narrativen Kontext, in dem sie ursprünglich ihre visuelle Kraft entfaltet haben, werden sie zu künstlerischen Platzhaltern einer hypostasierten Vorstellung von Shock and Awe, deren traumatische Afterwirkungen die meisten nicht aus dem eigenen  Erleben, sondern einem in Kriegszeiten besonders massiven Medien-Impact schöpfen. Adel Abdessemeds „Soldaten“ verkörpern Gewalt, jenseits einer wie auch immer gearteten Logik des Ausnahmezustandes, im buchstäblichen Sinne des Wortes: Nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Chiffre für einen ekstatischen Überschuss der Kräfte, der sich im Zeichen der Kunst / in der künstlerischen Zeichnung als fundamentalontologische Disposition manifestiert: The Horror, the Horror!
zit. Thomas Miessgang 2015


TURTLE
Die Idee des Attentäters, auch des Selbstmordattentäters, ist mit der Vorstellung von Plötzlichkeit verbunden. Scheinbar aus dem Nichts kommend, platzt er in eine Menschenansammlung hinein, um dort mithilfe der am Körper angebrachten Dynamitstangen ein Maximum an Verwüstung anzurichten. Eine Art „Kugelblitz“ wie Walter Benjamin schreibt, „der über den ganzen Horizont des Vergangenen läuft“ und die Historie „in Bilder, nicht in Geschichten“ zerfallen läßt.
Der Attentäter ist eine schattenhafte Figur  und trotzdem durch die Konsequenzen seines Handelns zutiefst im Hic et Nunc verankert. So wirkt es auf den ersten Blick paradox, wenn Adel Abdessemed eine Schildkröte mit einer Sprengstoffladung ausstattet: Jenem Tier, das seit 250 Millionen Jahren auf der Erde weilt und in den Symbolwelten der unterschiedlichsten Kulturen für Weisheit, Langlebigkeit, aber auch Gefühlstiefe und sensible Durchdringung der Welt steht. Von Plötzlichkeit, von Shock and Awe, kann hier nicht die Rede sein, sehr wohl aber von Beharrlichkeit und einer ontologischen Konstanz: Das Potential der Gewaltentfaltung wird einem Tier zugeordnet, welches man metaphorisch als jene biologische Brücke sehen kann, die die Gegenwart mit den für uns nicht mehr lesbaren Arkanwelten der Vorgeschichte verbindet.
Gewalt war immer und überall. Doch Adel Abdessemed argumentiert visuell weitaus raffinierter, wenn er das Eruptive an die Langsamkeit knüpft, den Schock der unerwarteten Attacke an eine biologische Entität, die kraft ihrer entschleunigten Fortbewegung von jedem Sicherheitsdienst problemlos ausgeschaltet werden könnte. Die Problematik zeitgenössischer Attentatslogik läge, folgt man Abdessemed, darin, dass es nicht mehr in erster Linie um die Plötzlichkeit eines akzelerationistisch geprägten Weltbildes geht, sondern um die Beharrlichkeit und Urgenz einer unbeugsamen Haltung. So wird ein dialektischer Gegenpol zu jenem dromologischen Taumel geschaffen, der die Gegenwartswelt(en) beherrscht; die retardierte Mobilität der Schildkröte bleibt so weit hinter allen zeitgenössischen Verwirbelungen zurück, dass sie den investigativen Blick – NSA, CIA, FBI, KGB, you name it – unterläuft und ihr zerstörerisches Werk quasi unsichtbar wie unter Alberichs Tarnkappe verrichten kann. Die Schildkröte, so heißt es in der mongolischen und indischen Mythologie, trägt den Weltenberg auf dem Rücken. Bei Adel Abdessemed ist dieser Weltenberg hochexplosiv und man kann nur hoffen, dass die verschiedenen Seelen, die nach buddhistischer Lehre in jeder Schildkröte hausen, das Nirwana erreichen, ehe eine in Zeitlupe sich vollziehende  Explosion, so wie in Antonionis Zabriskie Point, Körper und Geist ins nichtende Nicht des Nichts überführt. Oder, um es mit AC/ DC zu sagen: „Don’t you start no fight ‘cause I’m T.N.T. I’m dynamite.“
zit. Thomas Miessgang 2015

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Galerie
Adel Abdessemed<br />Turtle, 2015<br />Kamelknochen, Büffelhorn, Schildpanzer, mixed media<br />Unikat<br />Adel Abdessemed<br />Detail Turtle, 2015<br />Kamelknochen, Büffelhorn, Schildpanzer, mixed media<br />UnikatAdel Abdessemed <br />Installationsansicht Soldaten, 2015<br />Christine König GalerieAdel Abdessemed<br /> Soldaten, 2014<br /> Kohle auf Papier<br /> 189 x 130 cmAdel Abdessemed <br />Installationsansicht Soldaten, 2015<br />Christine König GalerieAdel Abdessemed<br /> Soldaten, 2014<br /> Kohle auf Papier<br /> 189 x 130 cmAdel Abdessemed <br />Installationsansicht Soldaten, 2015<br />Christine König GalerieAdel Abdessemed<br /> Soldaten, 2014<br /> Kohle auf Papier<br /> 189 x 130 cm

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