Künstler / Projekt
ANETTA MONA CHIŞA & LUCIA TKÁČOVÁ
Ausstellungstitel
Material Culture / Things in our Hands_curated by Dessislava Dimova

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Ausstellungsdauer: 13. 05. - 18. 06. 2011

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Beschreibung
AUSSTELLUNGSINFORMATION
ANETTA MONA CHIŞA & LUCIA TKÁČOVÁ
Material Culture / Things in our Hands_curated by Dessislava Dimova
 
13. Mai - 18. Juni 201
 
Da es die geopolitische und historische Wirklichkeit Osteuropas praktisch nicht mehr gibt, denkt man bei Osteuropa heute auch nicht mehr an ein existierendes Territorium. Osteuropa ist vielmehr ein Phantasiegebilde, auf das sowohl die Phantasmen des ehemaligen Ostens als auch die des ehemaligen Westens immer mehr ein desillusioniertes und zugleich verzerrtes Bild werfen. Ich meine, wir sollten daher besser von einer Eigenschaft sprechen - dem Osteuropäertum. Dieses ergibt sich aus dem postkommunistischen Zustand, der sich nicht bruchlos zum Kapitalismus der liberalen Demokratien weiterentwickelt hat. Das Osteuropäertum findet sich nicht nur auf den verschiedenen Stufen der Eingliederung in die Marktwirtschaft - von Gastarbeitern bis zu Neureichen. Man darf hoffen, es stehe auch für das, was unangepasst und außen bleibt. Kurz, für das Unverdaute der Geschichte und der Politik.
 
Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová spielen gerne mit dem Klischee des ehrgeizigen Osteuropäers, der auszieht, um den Westen zu erobern und die sündigen Freuden des Kapitalismus auszukosten. Sie sprechen gerne Dinge aus, die Westeuropäer zwar denken, aber nur Osteuropäer, die noch nicht richtig politisch korrekt getrimmt sind, sagen dürfen. Die Künstlerinnen nehmen nichts ernst. In ihren Händen wird alles zu formbarem Material: revolutionäre Hoffnungen, die bitteren Lehren der Geschichte, das modernistische Erbe, die kritische Rolle der Kunst, die Regeln der Kunstwelt, Sex, blonde Haare, das Kapital…
 
Wie soll man aber das radikale Osteuropäertum in Chişas & Tkáčovás Kunst verstehen, ohne auf alte Klischees zurückzufallen? Wie die Logik jener speziellen Form der Kritik begreifen, die die beiden Künstlerinnen entwickelt haben?
 
Ein möglicher Zugang besteht darin, bis auf die Wurzeln des postkommunistischen Zustands zurückzugehen, also auf die Voraussetzungen, von denen aus die Künstlerinnen operieren und den Zustand des globalen Kapitalismus von heute analysieren. Ich schlage vor, den kommunistischen Zustand an sich anzusprechen, der den Horizont der künstlerischen Vorstellungen der frühen Avantgarden bildete.
 
Man kann, denke ich, den transformativen Ansatz, den Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová angesichts der westlichen Kunstwelt gefunden haben, unter dem Aspekt des Ansinnens der frühen Avantgarden sehen, Konsumgegenstände in sozialistische Objekte - in Kameraden also - zu verwandeln. In seinen legendären Briefen aus Paris spricht Rodtschenko von der Verwirrung, die die tief empfundene Anziehungskraft und gleichzeitige Bedeutungsleere der westlichen Warenwelt, der er sich erstmals gegenüber sah, in ihm bewirkten.
Den Unterschied zwischen sozialistischen Produkten und westlichen formulierte er so: „Unsere Gegenstände in unsern Händen müssen auch gleichberechtigt, müssen auch Kameraden sein, und nicht diese düsteren und finsteren Sklaven wie hier."
 
Doch hatte die russische Avantgarde eine zwiespältige Meinung zur materiellen Kultur (im Sinn von Alltagsgegenständen). Der Alltag (byt) wurde im Allgemeinen als etwas angesehen, das man hinter sich lassen müsse, als unwichtig, konservativ und verweiblicht. Kurz, als Hindernis auf dem Weg zu Spiritualität und Fortschritt. Umgekehrt gab es aber auch Künstler wie Tatlin, die in ihrer Kunst die trivialsten Haushaltsutensilien verwendeten.
 
Etwas von dieser Spannung zwischen hohen Idealen und Lebenswirklichkeit, zwischen streng kritischem Denken und weiblicher Launigkeit wird auch in der Kunst von Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová verhandelt und gestaltet. Ihre Kunst lässt mich daran glauben, dass das Osteuropäertum eine eigenständige kritische Praxis sein könnte. (Dessislava Dimova)
Anetta Mona Chişa (geboren 1975 in Nadlac, Rumänien) und Lucia Tkáčová (geboren 1977 in Banska Stiavnica, Slowakei) arbeiten seit 2000 zusammen. Beide Künstlerinnen studierten an der Universität der Bildenden Künste Bratislava und leben und arbeiten in Prag.
 
Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová repräsentieren Rumänien auf der diesjährigen Venedig Biennale: Performing History, rumänischer Pavillon, 4. 6. - 27. 11. 2011
 
Ausgewählte Ausstellungen: 2011 Performing History, rumänischer Pavillon, Biennale Venedig; Rearview Mirror, The Power Plant, Toronto; Models For Taking Part, Presentation House Gallery, Vancouver; 2010 A BAS LENIN, OU LA VIERGE A L'ECURIE, Christine König Galerie_curated by Pierre Bismuth, Wien; Figura cuncta videntis, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Wien; How To Make A Revolution, MLAC, Rom; 1st Ural Industrial Biennial for Contemporary Art, Ekaterinburg, Russland; Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová FAR FROM YOU, Karlin Studios, Prag; Beyond Credit - Modern Art from Southeast Europe, Istanbul; Cinema X: I Like to Watch, MOCCA, Toronto; While Bodies Get Mirrored, migros museum für gegenwartskunst zürich; 2009 Gender Check, MUMOK Wien; Footnotes to Business, Footnotes to Pleasure, Christine König Galerie, Wien; The Reach of Realism, MOCA Miami; The Making of Art, Schirn Kunsthalle Frankfurt; Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová, Galerie Collectiva, Berlin; 2008 Neuer Berliner Kunstverein, Berlin.

 
(1) Aus Christina Kiaer, Imagine No Possessions: The Socialist
Objects of Russian Constructivism, MIT Press, Cambridge, Massachusetts/London 2005, p. 199

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Galerie
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