Künstler / Projekt
JOHANNA KANDL
Ausstellungstitel
The Missing Guardian

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Ausstellungsdauer: 18. 03. - 25. 04. 2009

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— Text
Beschreibung
Aus der enormen Fallhöhe zwischen globalkapitalistischen Suggestionen und einer mickrigen Lebensrealität beziehen Johanna Kandls Bild-Text-Kombinationen ihre Irritationen und gelegentlich auch eine schräge Komik. „Ich genieße den Reiz,“ sagt die Künstlerin, „dass sich eine Kluft aufspannt zwischen Bild und Text und so ein Aha-Effekt entsteht.“ Das Bild The Missing Guardian, das der Ausstellung den Namen gibt, zeigt zwei Männer, beide in Businessanzügen und sehr guter Laune, vor einem einfachen Verkaufsstand. Investoren? Absteiger? Die neue Bescheidenheit? Andere Arbeiten beschäftigen sich mit persönlicher Vergangenheit, zeigen die Geschäftsfassade des seit langem geschlossenen elterlichen Farbgeschäfts an der Brünnerstraße mit Reklameschildern nicht mehr existierender Marken. Das randständige Wirtschaften drängt sich immer wieder ins Zentrum ihrer Kompositionen, nur die geographischen Zuordnungen wechseln: Viktor Adler-Markt in Wien, Belgrad, Baku, Ukraine, Bosnien, die Karl Marx-Allee in Berlin. Es ist eine Welt im Prozess der Transformation, die Johanna Kandl in kleinen Wirklichkeitsausschnitten festhält. Und so wenig die Arbeiten abstrakt sind, so wenig ist es der Prozess ihrer Entstehung. Ausgangspunkt sind meist Fotos, die sie selbst oder ihr Mann Helmut Kandl gemacht haben. Das globale Bilderarchiv, ob es vom Internet oder von Zeitschriften gespeist wird, interessiert sie nicht. Ihre Kunst ist ein Bekenntnis zum Partikularen, zu Erzählfragmenten, die sich nicht zu einer großen Narration ordnen lassen wollen, sondern im Zustand des Chaos, ja des Chthonischen verharren. Die aktuelle Wirtschaftskrise arbeitet Johanna Kandls Weltdeutungsmodulen noch zu, und zwar, indem sie die Text-Bild-Kombinationen retroaktiv mit negativer Energie auflädt: Jetzt geht es nicht mehr nur um ein disproportionales Verhältnis zwischen einem sich in seinen Slogans und rhetorischen Pathosformeln siegesgewiss gebärdenden Superkapitalismus und dessen weniger kapitalintensiven Randlagen, sondern um eine universale Dystopie. Der Kapitalismus sei der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus, hat Walter Benjamin 1927 in einem auch heute noch lesenswerten Text geschrieben. „Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, welche der Kapitalismus ist, das Aushalten bis ans Ende, bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweiflung, auf die gerade noch gehofft wird. Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, dass Religion nicht mehr Reform des Seins, sondern dessen Zertrümmerung ist.“
Walter Benjam
 
Ein großformatiges Gemälde, sehr dünn, fast Grisaille gemalt, zeigt eine unübersehbare Menge an Heiligenfiguren eines Verkaufsstands in Medjugorje, daneben eine Arbeit über „Pyramidenspiele“ und die „Pyramide“ von Visoko in Bosnien, wo seit einigen Jahren ein kleiner Tourismus eingesetzt hat - ein Exilbosnier verbreitete die Theorie, der Stadtberg sei eine Pyramide, die älteste und größte der Welt. Ein Video zeigt die Piazza in Loreto, einen Madonaro (Straßenmaler), Schwestern des Malteserordens, die Weihe von farbenprächtigen Fiat-Sportwägen, einen Bienenschwarm, der sich am Pfingstsonntag pünktlich um 12 Uhr mittags auf einer Brunnenfigur niederlässt und diesen in eine wimmelnde, amorphe Masse verwandelt... Für das Video Brünnerstraße 165 steigt Johanna Kandl im Winter 2008 noch einmal in den Gartenteich, Lieblingsort der Kindheit, der hinter dem elterlichen Geschäft lag. Originalfilmsequenzen aus der 8 mm Filmkamera des Vaters sind zwischengeschnitten. Johanna Kandls Reportagen vom Rande der Welt und vom Ende einer Epoche, sind Versuche, die Welt in der wir leben und deren visuelle Substrate uns als mediale Serienbilder um die Ohren fliegen, epigrammatisch in den Zustand der dauerhaften Bildwerdung zu überführen - Malerei hat mehr Plastizität, Materialität und Authentizitätsversprechen als Fotografie - und gleichzeitig in ihrem illusionistischen Charakter kenntlich zu machen. Ein subtiler Balanceakt, der in den gelungensten Momenten eine Ontologie der Instabilität zu begründen imstande ist. „Manchmal holt einen die Geschichte ein,“ sagt Johanna Kandl. „Vielleicht wird meine Arbeit durch die Krise schärfer. Auf jeden Fall aber anders.“
Thomas Mießgang, 2009

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Galerie
<p>Ausstellungsansicht JOHANNA KANDL <em>The Missing Guardian</em>, 2009</p><div><p>Ausstellungsansicht JOHANNA KANDL <em>The Missing Guardian</em>, 2009</p></div><div><p>Ausstellungsansicht JOHANNA KANDL <em>The Missing Guardian</em>, 2009</p></div><div><p>Ausstellungsansicht JOHANNA KANDL <em>The Missing Guardian</em>, 2009</p></div><div><p>Ausstellungsansicht JOHANNA KANDL <em>The Missing Guardian</em>, 2009</p></div><div><p>Ausstellungsansicht JOHANNA KANDL <em>The Missing Guardian</em>, 2009</p></div><div><p>Ausstellungsansicht JOHANNA KANDL <em>The Missing Guardian</em>, 2009</p></div><div><p>Ausstellungsansicht JOHANNA KANDL <em>The Missing Guardian</em>, 2009</p></div>

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