Künstler / Projekt
PER DYBVIG
Ausstellungstitel
outdrunk from neighbourhood, dead hare surrounded

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Ausstellungsdauer: 14. 11. - 23. 12. 2014

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— Text
Beschreibung
Als Reisender in Vorstellungswelten erkundet Per Dybvig nicht bloß die unberührten weißen Flecken auf der Landkarte, sondern auch auf dem weißen Zeichenblatt. Sein Bildaufbau ist unkonventionell, die Perspektiven und Proportionen verzerrt, merkwürdige Details sperren sich gegen jede realistische Deutung. Dabei ist Dybvigs Zeichentechnik fast virtuos. Mit feinem Strich verführt er den Betrachter dazu, ihm in seine ebenso schöne wie sinistere Phantasiewelt zu folgen. Diese wirkt wie Szenen in einem absurden Theaterstück oder entgleiste Äsopsche Fabeln, die mit ihrem gedanklichen Zusammenhang auch ihre Moral verloren haben.
Vorbild für Dybvigs Animationen und Zeichnungen, die das Hasenthema variieren, ist die Druckgrafik Die Hasen fangen und braten den Jäger von Georg Pencz aus dem Jahr 1535. Sie zeigt einen Jäger, der an einem kahlen Baum hängt, und Hasen, die einen Festschmaus bereiten. Dybvig überzeichnet das bereits stark stilisierte Renaissance-bild in seinen Filmen zu so lebhaften wie groben Bildern oder, was die Zeichnungen anlangt, zu fein ziselierten Sujets. Das Bizarre, das Verderbte und das Karnevaleske präsentieren sich als Naturphänomene in einer Welt jenseits der unsrigen. Sie gemahnen an etwas, das André Breton 1921 in einem Katalog von Max Ernst so umrissen hat: „Wer weiß, ob wir uns auf diese Weise nicht vorbereiten, eines Tages dem Identitätsprinzip zu entkommen.“
Und Dybvigs Zeichenkunst ist eindeutig surrealistisch. In den Tierzeichnungen lässt er die Protagonisten fürwahr jedes Identitätsprinzip hinter sich lassen. Hier sehen wir einen Ratten-Elch auf dem OP-Tisch, da einen Mann so groß wie ein Teelöffel mit drei Hüten und flankiert von einem kletternden Schwein, dort kolossale rattenartige Tiere. Diese Tierfabeln lassen keinen moralischen Aspekt mehr erkennen. Menschen und Tiere erscheinen in vollkommen verquerten Lagen. Eine Falle giert nach einem falschen Hund, ein betrunkener Insektenmann raucht zwei Zigaretten auf einmal, ein Schwein und seine Freunde tummeln sich durch einen heißen Sommertag.
Mit seinen Bildern geleitet uns Dybvig an die Grenzen der Vernunft. Dort betreten wir das Reich des uns angeborenen Lachens über wirre Phantasien, das Reich der anarchistischen Außenbezirke des Karnevals. Dort nimmt das Menschliche tierische Formen an, und die Tiere sehen nicht mehr wie Tiere aus. Ist das nun ein Hase, ein Fuchs oder eine Ratte? Oder ist es nicht vielmehr ein nagender Elch?
Dybvig dekonstruiert den europäischen Mythos vom einsamen Kämpfer und die alte Idee von Jäger und Gejagtem. Doch indem er das Tierreich verfremdet und zu etwas Unbekanntem macht, schafft er auch seine eigene Taxonomie. Im Nachsinnen über seine Bilder fällt mir ein interessantes Nahverhältnis zwischen Dybvigs Welten und jener Taxonomie auf, von der Michel Foucault im Eingangskapitel seines Buchs Die Ordnung der Dinge schreibt.
Foucault zitiert dort Jorge Luis Borges, der sich wiederum auf eine chinesische Enzyklopädie beruft, die das Tierreich wie folgt einteilt: „a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.“
UND: Wie sehen sie nun aus, die großen Landschaftszeichnungen bei Christine König in Wien? Dybvig fertigte sie auf Einzelblättern, die jeweils 240 x 420 cm messen – riesengroß also. Seine Landschaften erscheinen präzise und offen, zugleich aber auch vage und abweisend. Ihr Stil erinnert an orientalische oder jahrhundertealte westliche Tuschezeichnungen. Doch Dybvig zeichnet nicht einfach ab. Er überschreitet sowohl die Tradition als auch unsere Erwartungen an die Tradition. Wie bei den Tierzeichnungen, auf denen das grelle Lachen stets einen unheimlichen Schatten trägt, erscheint auch die orientalische Tradition in Dybvigs Zerrspiegel düster. Seine Landschaften sind nicht einfach nur brillant. Aggressiv türmen sich die Landformen übereinander, als harrten sie der Katastrophe. Gleichzeitig deuten sie etwas Organisches, vielleicht sogar Erotisches an. Ihre Ausführung ist so präzise und findig, dass Dybvigs Kunst hier unmittelbar an die alten Meister Ostasiens heranreicht.

 (zit. "Drawing in motion" von Trond Borgen, veröffentlicht in Numer, No. 100/2014) 



 

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Galerie
PER DYBVIG <br /> Ohne Titel, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br /> 36 x 51 cmPER DYBVIG<br />Ausstellungsansicht <em>outdrunk from neighbourhood, dead hare surrounded</em>, 2014<br />Christine König GaleriePER DYBVIG <br /> He came with Table, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br />290 x 240 cmPER DYBVIG<br /> Ausstellungsansicht <em>outdrunk from neighbourhood, dead hare surrounded</em>, 2014<br /> Christine König GaleriePER DYBVIG <br /> Ausstellungsansicht <em>outdrunk from neighbourhood, dead hare surrounded</em>, 2014<br />Gren, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br />240 x 410 cmPER DYBVIG <br /> Ausstellungsansicht<em> outdrunk from neighbourhood, dead hare surrounded</em>, 2014<br />Open Landscape, 2014 <br /> Tusche auf Papier, in 3 Teilen<br /> je 250 x 153 cm, Total 250 x 459 cm<br />PER DYBVIG<br /> Ausstellungsansicht <em>outdrunk from neighbourhood, dead hare surrounded</em>, 2014<br /> Christine König GaleriePER DYBVIG <br /> Ohne Titel, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br /> 41 x 31 cmPER DYBVIG <br /> Ohne Titel, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br /> 36 x 26 cmPER DYBVIG <br /> Ohne Titel, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br /> 26 x 18 cmPER DYBVIG <br /> Ohne Titel, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br /> 26 x 18 cmPER DYBVIG<br /> Ausstellungsansicht <em>outdrunk from neighbourhood, dead hare surrounded</em>, 2014<br /> Christine König GaleriePER DYBVIG <br /> Intruder on Bubble plant, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br />285 x 240 cmPER DYBVIG <br /> Ohne Titel, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br /> 46 x 61 cmPER DYBVIG <br /> Ohne Titel, 2014 <br />Tusche auf Papier<br />46 x 61 cmPER DYBVIG <br /> Ohne Titel, 2014 <br />Tusche auf Papier<br />46 x 61 cmPER DYBVIG <br /> Tett Landskap, 2014 <br /> Tusche auf Papier<br />240 x 410 cm

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